Vater und Sohn: Du hieltest mich in deinen Armen

von Peddagog aus der Kategorie Gedichte über Menschen
und wurde am 19.08.2010 um 08:55:00 eingetragen.

Du hieltest mich in deinen Armen,
Mit starken, tellergroßen Händen,
Du gabst mir schließlich deinen Namen,
Ach, wenn wir uns doch endlich fänden.

So Vieles erbte ich von dir,
Ich trag ja deine Gene,
Geschmack an Nikotin und Bier,
Und andere Phänomene:

Cholerik und Melancholie,
Zu der ich manchmal neige,
Auch viel von der Anatomie,
Ein wenig auch das Feige.

Du konntest Autobleche schweißen,
"Geht nicht - gibt's nicht!" war deine Devise,
Du musstest dich durchs Leben beißen,
Für mich warst du ein Riese.

Bewundernd sah ich oft dir zu,
"Hurra, mein Rad kriegt neue Speichen!"
Ich wollte stets so sein wie du,
Doch konnt dich nie erreichen.

Als du ein Kind - wer hielt dich da?
Der Vater früh gestorben,
Und so, mit nicht mal 17 Jahr
Bist du Soldat geworden.

Krieg spieln, was sehen von der Welt,
Es rotzt die Flak aus heißen Rohren,
Doch dann auf Frankreichs Winterfeld
Da bist du fast erfroren.

Mit 21 schon Papa,
Du hast dich früh getraut,
Geschuftet 7 Tage gar,
Ein Haus und Deutschland aufgebaut.

Jetzt bist du schwach, dein Blick ist leer,
Dein Gang, der schwankt und weiß der Bart,
Du schmiedest keine Pläne mehr,
Die trüben Augen suchen Rat.

Der Rücken krumm, die Schultern tief,
Kein Antrieb mehr und keinen Mut,
Bist launisch, lustlos, depressiv,
Wo ist die Kraft, wo deine Wut?

Vielleicht ist deine düst're Stimmung
Kein Schicksalsschlag, der dich jetzt traf,
Bloß deine Art der Vorbereitung
Auf den letzten, großen Schlaf?

Ach, könnte ich dich jetzt nur halten,
Es wär doch sicher meine Pflicht,
Am Ende deine Hände falten,
Ich fürchte nur - ich kann es nicht.


Peddagog, August 2010


Kommentare

Es gibt 5 Kommentare zu diesem Gedicht

Peter Bohnenkamp schrieb am 07.07.2011 um 11:30 Uhr folgenden Kommentar:
Hallo Twity, Danke für deinen Kommentar. Ja, das Altwerden ist schwer - aber es gibt keine Alternative. Es ist besonders schwer, diesen Verfall so nah mitzuerleben und es geht so schnell. Jetzt sind es die Eltern und bald schon wir. Da kommt man echt ins Grübeln über das Leben generell. Es ist so verdammt kurz - gestern noch in der Blüte des Lebens und heute schon fast vorbei. Hommage ja, doch auch ein paar kritische Worte (feige, Krieg). Ich finde, dass viele junge Menschen das Alter nicht mehr achten, sondern sich über alte Menschen lustig machen, oder sie sogar angreifen. In anderen Kulturen, z.B. China ist das (noch) anders. Da werden alte Menschen respektiert für ihre Leistungen und Erfahrungen, denn wir bauen auf diesen auf. Auch deshalb hier diese Hommage. Gruß vom Peddagog


Twity-Autor schrieb am 06.07.2011 um 17:10 Uhr folgenden Kommentar:
Hallöchen, diese Verse gleichen einer Hommage an den Vater. Inhaltlich sehr ergreifend geschrieben. Ja, dies bringt einen schon zum Nachdenken! Das Alter ist wirklich kein Zuckerschlecken, egal was man einst geleistet und geschaffen hat - irgendwann ist jeder auf Hilfe angewiesen. Dein letzter Vers ist einfach so etwas von ehrlich und traurig-schön. Da stellt sich mir die Frage, warum man sich das recht heraus nimmt, sich dem Händefalten zu entziehen, hat doch der alte Mensch in keinster Weise mehr eine eigene Wahl. Er muss sich fügen, da er vieles nicht mehr aus eigener Kraft schafft... Es ist mit Sicherheit kein Segen alt zu werden - oder doch??? Herzliche grüße von Twity-Autor!


fanny schrieb am 22.11.2010 um 10:15 Uhr folgenden Kommentar:
es bedarf keinen mut, nur einen schritt den du machen musst, glaube mir, das wenigste was wir nutzen ist die zeit und oft ist sie auch das kürzeste was uns geschenkt wird in unserem leben morgen kann alles zu ende sein und wir haben sie nicht genutz, dann ist es verlorene zeit, die uns niemand zurück bringt spring über deinen schatten, jetzt ist noch gelegenheit lgr. innigst zu dir fanny


Peddagog schrieb am 22.11.2010 um 08:23 Uhr folgenden Kommentar:
Hallo liebe fanny, Vielen Dank für deinen Rat. Ja, ich habe es in letzter Zeit wenigstens versucht und denke, dass ich nun einen besseren Zugang zu meinem Vater bekomme. Ich habe mir fest vorgenommen, noch einiges mit ihm zu unternehmen, ihn mal mit ins Fußballstadion zu nehmen etc. Denn viel Zeit bleibt uns nicht mehr. Zu einem offenen Gespräch, um ihn wirklich zu finden, fehlt mir aber noch ein wenig der Mut. Kommt vielleicht auch noch. Es grüßt dich ganz lieb der Peddagog


fanny schrieb am 21.11.2010 um 16:42 Uhr folgenden Kommentar:
lieber peter das sind so wunderbare, liebenswerte, wie auch nachdenkliche zeilen das ich nur sagen kann...wow, so schön solltest du sie über dich geschrieben haben so bin ich mir sicher das du das kannst schenk ihm einfach nur die wärme die du von ihm bekommen hast denn du gibst etwas von dir und das ist so wertvoll lgr. von fanny

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