Langer Abschied
von Peddagog aus der Kategorie Trauer
und wurde am 23.01.2010 um 17:00:00 eingetragen.
(Für meine Schwester Christel in memoriam und für meinen Freund Olaf, den diese Krankheit nun auch heimgesucht hat. Olaf: "bleib bitte noch lange bei uns.")
Wir lachten noch,
Als du aus dem kroatischen Urlaub kommend
Meintest, dein großer Zeh sei taub geworden,
Der höre seit Tagen nix mehr.
Du witzeltest selbst noch,
Als du Wochen später feststelltest,
Dass auch dein rechter Fuß wohl müde
Sei und inzwischen eingeschlafen.
Wir lächelten dir noch zu,
Als sich die Lähmung weiter fraß
Und ließen uns nichts anmerken,
Als du -leicht nur- das Bein nachzogst.
Wir waren geschockt,
Als der grausame Gott in weiß
"A-L-S" diagnostizierte und dir
Gönnerhaft noch 4-5 Jahre gab.
Wir lachten nicht mehr,
Als wir die Fachliteratur lesend
Erfuhren, dass man gegen das verfluchte Leiden
Noch kein Heilmittel gefunden.
Wir machten dir Mut,
Als du Don Quichottegleich
Versuchtest, den Kampf aufzunehmen,
Den Kampf gegen die Krankheit.
Wir lachten schon lange nicht mehr,
Als du im Rollstuhl sitzend
Dich ängstlich fragtest, ob du ihn
jemals wieder verlassen würdest.
Wir heulten mit dir,
Als eine weich gekochte Nudel
Einen Erstickungsanfall verursachte,
Weil du sie nicht mehr schlucken konntest.
Wir fanden keinen Trost,
Als wir die Nachricht hörten
Von deinem berühmten Leidensgenossen
Jörg Immendorff.
Wir weinten leise,
Als deine Zunge schwer wie Blei
Wir dich nicht mehr verstehen konnten,
Und in deinen weiten, fragenden Augen versanken.
Wir waren paralysiert,
Als wir dich nach unserem sorgenvollen Urlaub
Hohlwangig im Bette fanden
Und kaum noch wieder erkannten.
Wir waren verbittert,
Als unsere Mutter am offen Grab
Stammelnd schluchzte, dass unsere Familie
Nach ihren Brüdern damals im Krieg,
Dem frühen Tod der eigenen Mutter
Und nun auch noch der einzigen Tochter,
Dem Teufel doch nun wahrlich
Genügend Blutzoll entrichtet habe.
Wen wundert es,
Dass sie sich in letzter Zeit
So häufig
Nach meinem Wohlergehen erkundigt?
Peddagog, Juli 2007
Kommentare
Es gibt 3 Kommentare zu diesem Gedicht
mittendrin schrieb am 25.01.2010 um 10:41 Uhr folgenden Kommentar:
vielleicht lieber peter ist es für manchen ein trost, deine zeilen zu lesen, für andere sogar ein berfreiungsschlag seiner seele, die endlich wieder atmen kann, nur wer sich selbst damit auseinander setzt, kann es schaffen damit umzugehen und es anzunehmen als einen teil des lebens, das nicht nur auf der überholspur statt findet, lgr. chris
ich umarme dich
Peddagog schrieb am 25.01.2010 um 09:25 Uhr folgenden Kommentar:
Hallo Chris,
Danke für deine lieben Worte. Ja, ich habe lange überlegt, ob ich diese so persönlichen Zeilen ins Netz stelle. Aber du hast recht: die Zeit hilft und es ist ein Teil meiner Bewältigung das nun auch öffentlich zu machen. Vielleicht ein kleiner Trost für alle, die meinen es ginge ihnen mies. Wenn man so was erlebt, dann relativiert sich vieles.
Liebe Grüße
Peter
mittendrin schrieb am 23.01.2010 um 17:53 Uhr folgenden Kommentar:
lieber peddagog, es ist gut wieder einmal von dir zu lesen, ja was du dort beschreibst, brauch zeit, zeit die man nutzt um über das, was geschehen ist nach zu denken, zeit sich damit außeinander zu setzen, zeit um zu verarbeiten, aber auch die zeit um sich wieder selbst zu finden, zeit den anderen los zu lassen und doch im herzen bei sich zu tragen, aber auch sie zu nutzen für die zeit die man noch hat
einen ganz lieben gruß, sagt chris